Schuhpflege: Antikfinish die besondere Schuh-Patina

 

Wer die wenigen Grundregeln der Schuhpflege kennt, und danach strebt noch etwas mehr zu machen, der kann sich der hohen Schule der Schuhkosmetik mit Ledertiefenreinigung und Farbaufbau,  Antikfinish und Wasserpolitur zuwenden. Dieser Teil unseres Schuhpflege-Specials beschäftigt sich mit dem Thema Antikfinish.

Unter einem Antikfinish ist eine Oberflächengestaltung zu verstehen, wodurch das Oberleder den Anschein eines gepflegt gealterten Schuhs erzeugt. Wird nämlich ein hochwertiges Außenschaftleder regelmäßig gepflegt, entsteht ganz von selbst im Laufe der Jahre eine wundervolle Patina.

Patina
Die Patina, als Ausdruck einer edel aussehenden, gepflegt gealterten Lederoberfläche, entsteht nach und nach durch die feinen, beim Tragen der Schuhe nicht zu vermeidenden Minischäden des Schafts. Kleine alltägliche Verletzungen des Oberleders, die durch die regelmäßige Schuhpflege nur als unzählige, winzige dunkle Streifen in ihrer Gesamtheit der Oberfläche "Leben" geben und eine gewisse optische Tiefe in die Oberfläche bringen. Die Lederqualität eines billigen Schuhs hätte erst gar nicht die notwendige Standzeit, damit sich eine Patina entwickeln könnte. Denn dafür braucht es einige Jahre. Und ohne eine über die Jahre hinweg gute Schuhpflege würde auch keines der bei Premiumschuhen üblichen Kalboberleder die Lebenszeit haben, um diese reizvolle Oberfläche zu bekommen (Cordovan und die starken Vollrindleder von Bergschuhen schaffen das eher). Das erklärt, weshalb die Oberlederpatina der Schuhe als individueller Ausdruck der Persönlichkeit, als Qualitätsmerkmal und stummer Zeuge der Lebensgeschichte so geschätzt werden. Da liegt es nahe, dass Schuhfreunde auch neuen Schuhen gerne vorzeitig diese edle Aussehen eines in Würde gealterten Schuhs geben möchten.

Womit und wie erzeugt man das Anti-Finish?

Damit Oberflächen Verletzungen des Ledernarbens später als kleine dunkle Markierungen sichtbar sind, darf der Schuh nicht schwarz sein. Denn auf schwarzem Untergrund wären dunkle Stellen nicht abbildbar und ein Antikfinish bliebe unsichtbar. Auch eignen sich keine deckgefärbten Oberleder. Dort würden Schaftverletzungen nur eine partielle Zerstörung der Farbschicht bewirken, die darunter liegenden hellen Lederfasern zeigen und insgesamt ein schäbig kratzig-fleckiges Aussehen ergeben. Doch durchgefärbte Oberleder aller Braunschattierungen sind optimale Kandidaten für einen selbstkreierten optischen Alterungsprozess. Es gilt dabei durch den Einsatz einer oder mehrerer tendenziell dunklerer BURGOL Cremes die Illusion eines gealterten Schaftleders zu erzeugen. Wichtig ist, dass Sie eine gute Dosencreme nehmen, da diese Ihnen ausreichend Zeit lässt, das Finish zu erzeugen. Würden Sie die Creme aus einem Tiegel oder einer Tube gebrauchen, trocknet diese so schnell, dass sie nur eine fleckig-wolkige Oberfläche hätten. Das mag eventuell auch reizvoll aussehen, doch wäre die Wirkung, anders, nicht so edel - eben nicht "antik".

Um das Aussehen und die Wirkung eines selbstgemachten Antikfinishs möglichst genau bestimmen zu können, bedarf es Geduld und Übung.

Falls Sie bei der Arbeit merken, dass es deutlich in die falsche Richtung geht, wischen Sie mit einer sauberen Stelle des Lappens die noch feuchte Schuhcreme einfach ab. Ist die Creme dafür schon zu stark getrocknet greifen Sie zu frischer Schuhcreme im Grundton des Leders. Die in der Creme enthaltenen Lösemittel sollten mit einem kräftigen Reiben des Lappens die angetrocknete "falsche" Schuhcreme entfernen. Wünschen Sie ein früher aufgebrachtes Antikfinish zu entfernen, nehmen Sie einen Farbaufbau vor. Sie brauchen jedenfalls keine Sorgen zu haben, das Aussehen des Schuhs endgültig zu verhunzen. Es gibt immer einen Weg zurück. Schuhe mit vielen Außenschaftteilen und Lochverzierungen, wie beispielsweise Fullbrogues, eigenen sich auch für Neulinge in Sachen Antikfinish. Ihre vielen Kanten und Löcher helfen ganz von selbst den Anschein des Antiken zu erzeugen. An diesen Stellen, wie auch in den kleinen Falten des Schafts, bleibt von der dunkleren Creme etwas mehr zurück, so dass diese Parts später die kleinen, ein antikes Schuhleder ausmachenden, dunklen Stellen zeigen.

Oder Sie kremen einen mittel- bis dunkelbraunen Schuh jedes 4. Mal statt mit der normalfarbigen Creme, mit ein wenig schwarzer Creme ein. Bei cognacfarbenen Schäften hat eine auf diese Weise eingesetzte rötliche Creme eine aparte Wirkung.

Experimentieren Sie ein wenig mit dem Antrocknen. In der Regel werden die zusätzlichen Farbschichten schon kurz nach dem Auftragen mit der Ziegenhaarbürste poliert. Lassen Sie mehr Zeit verstreichen, wodurch die Lösemittel mehr einziehen und zugleich verdunsten, sieht der Effekt nach dem Glanzbürsten etwas anders aus. Eine andere Arbeitsmethode geht so: Sie mischen direkt zum normalerweise verwendeten Pflegewachs (im Grundton des Oberleders) ein weiteres in einem dunkleren Farbton hinzu. Geübte machen das direkt auf dem Oberleder. Dass dadurch einige Schaftbereiche etwas mehr von der dunklen Creme abbekommen, als andere, ist durchaus erwünscht. Das kappenbetonte Antikfinish, bei dem die Schuhspitze insgesamt dunkler erscheint, setzt bewusst auf diesen Effekt. Dieses Finish wird bei industriell gefertigten Antikfinishs bevorzugt, weil es sich auch mit maschineller Unterstützung (dunkle Creme auf die Kappe und mit der Bürstenmaschine schnell poliert) und ohne größeren Aufwand realisieren lässt. Die Abbildung des hinteren Balmoral-Boot zeigt die Originalschaftfarbe, wohingegen der vordere Stiefel ein kappenbetontes (und natürlich manuelles) Antikfinish erhielt. Eine andere Variante besteht im Auftragen der zweiten dunkleren Creme mit einer normalen Glanzbürste. Dazu einfach ein wenig Creme mit der großen Bürste aufnehmen und anschließend den Schuh damit so lange bürsten, bis sich Glanz einstellt. Selbstverständlich können auch mehr als nur zwei Cremefarben ein schönes Finish bewirken. (von R.Ersfeld)

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